Ich bin für dich da

Videoandacht zum 29.3.2020 in der Christuskirche

Zur Zeit bleiben viele in ihrer Wohnung, in ihrem Haus. Manche tun es freiwillig. Das Risiko ist einfach zu hoch. Andere müssen drin bleiben. Auf Anordnung. Einige können das ganz gut aushalten. Sport zuhause, Zeit zum Lesen, wieder mehr Musik machen.

Andere berichten von Einsamkeit. Ihnen fehlt die Berührung, in den Arm genommen werden. Über einen Bildschirm verbunden sein ist nicht das gleiche, wie wenn ich einem gegenüber sitze.

Im Hebräerbrief steht: Jesus hat draußen vor dem Tor gelitten.

Da war er auch einsam. Er musste durch alles alleine durch. Seine Freundinnen und Freunde konnten nicht mehr dabei sein. Sie haben sich zurück gezogen.

Die Bibel sagt: Jesus stellt sich damit in den Dienst der Menschen. Er tut das für uns. Er tut das für die Kranken auf den Intensivstationen und zuhause.

Er tut es für die Menschen, die pflegen und kümmern und versorgen. Oft genug über ihre eigenen Grenzen hinaus.

Jesus kennt die Not. Kennt meine Angst, meine Sorge, wie es weitergeht. Draußen vor dem Tor, da hat er das durchgemacht.

Mir hilft das. Er kennt meine Erschöpfung. Er weiß meine Gedanken. Die drehen sich  wie im Hamsterrad immer weiter und kommen kaum zur Ruhe.

Weil Jesus das kennt, kann ich ihm auch seine anderen Sätze glauben, kann ich Gott die andren Sätze glauben: Hab keine Angst, ich bin bei dir. Du musst da durch, und du bist nicht allein. Ich bin bei dir. Im finstern Tal und in deiner engen Wohnung. Wenn dir das Wasser bis zum Hals steht und wenn dir die Decke auf den Kopf fällt.

Jesus sagt: ich bin dein Diener geworden. Ich stelle mich ganz in deinen Dienst. Mit meinem ganzen Leben setze ich mich für dich ein. Nimm von meiner Kraft soviel du brauchst. Es ist genug da.

#mutinfarbe

Eine kurze Videoandacht zum Sonntag Lätare in der Christuskirche.

Liebe Gemeinde,

seit Beginn der Passionszeit, also seit 23 Tagen, schreibe ich jeden Morgen das Wort „Mut“ mit weißer Kreide auf eine Karte. Anschließend mal ich mit Aquarellfarben drüber. Die Farben fließen ineinander. Sie fließen um den Mut herum.  Manchmal bleiben ein paar Farbspuren auf den Buchstaben hängen. Die Farben spielen ein buntes Spiel, zaubern Muster, neue Formen. Ich mache das mit vielen anderen zusammen, inzwischen sind wir über 50 Personen. Als wir angefangen haben, war die Corona-Epidemie gefühlt eine Ewigkeit weit weg. 15 Tage später ist sie mitten unter uns angekommen.

Jeden Morgen „Mut“. Dabei sind die Tage so unterschiedlich wie das Leben. Es waren fröhliche Tage dabei. Andere Tage waren voll Sorge. Sorge um die Menschen in der Gemeinde. Die Arbeit in der KiTa muss ganz anders organisiert werden. Es kam der Tag, an dem ein plötzlicher Tod in meiner Familie mein Leben auf den Kopf stellte. An manchen Morgen war ich sehr müde und hatte keine Lust. Ich habe trotzdem weiter geschrieben. Wir zeigen uns gegenseitig unsere Mutkarten. Manche von den anderen „setzen die Karten aus“, hängen sie an Hinweistafeln oder Zäune.

Wir brauchen Mut. Wir haben Mut. Wir glauben an einen Gott, der sagt: Sei getrost und mutig. Ich bin dir in allem, was auf dich zukommt. Heute ist der Sonntag Lätare – das heißt „freue dich“. Freue dich, Gott ist da. Begleitet dich. Hält dich fest. Hält dein Herz in seiner Hand. Auch und gerade in dieser Zeit.

Vielleicht haben Sie Lust dazu, das auszuprobieren, in der nächsten Woche. Beginnen Sie jeden Tag mit #mutinfarbe. Erinnern Sie sich an Gott, der sagt: Sei getrost und mutig. Ich bin bei dir.

 

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete und behütete Woche.

 

https://www.youtube.com/watch?v=pzb5ngSDhN4

 

Gottsucher mit Jesus

Predigt am 12. Januar 2020 in Veitshöchheim, zum lesen und nachhören.

13 Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe.14 Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?15 Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er’s ihm zu.16 Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen.17 Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

 

(Gott suchen)

Am Freitag waren die Konfis auf Gottsucherexpedition. Über mehrere Versuchsanordnungen hinweg, ausgerüstet mit einer Suchkarte und einem Protokollbuch. Sie erkundeten, entdeckten, prüften, verwarfen und hatten schließlich eine Idee: da will ich Gott suchen. Am Ende haben sie das in Zeichnungen festgehalten.

Einer fing an, mit verschiedenen Wachsmalkreiden Farbschichten übereinander zu legen. Gelb. Blau. Orange habe ich gesehen. Am Ende bedeckte er alles mit einer dicken schwarzen Schicht. Nur zaghaft blitzen an der einen oder anderen Stelle die anderen Farben noch durch. Ich hatte schon Sorge, dass Gott sich ganz im Schwarz verstecken würde, da nahm er eine Schere zur Hand. Er schnitt das Papier kreuzweise ein, verbreitete die Schnitte etwas und klebte schließlich weißes Papier hinten dran. „Ich weiß nicht ob es funktioniert, aber so könnte es gehen.“, war sein knapper Kommentar dazu. Dann lag das Blatt vor ihm und ein zufriedener Ausdruck auf seinem Gesicht. Ein Stern geht auf in der Dunkelheit. Mitten aus dem Universum heraus.

Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen.

 (Kulisse der Suchenden)

Draußen am Jordan legt sich viel übereinander. Die Stadt ist weit weg. Mit ihr alle Geschäftigkeit. Die immergleichen Abläufe der Woche aus Arbeiten und ausruhen. Die Erfolgsgeschichten der Mächtigen werden dort gefeiert. Das Leiden der Gescheiterten wird routiniert ertragen.

Weit weg ist hier die städtische Zivilisation, der Königspalast, die Straßen mit ihren Händlern und Märkten. Die lähmenden Machtstrukturen und Ungerechtigkeiten. Weit weg sind sie hier von Ungleichheit, von Elend, von Arbeitslosigkeit und Armut. Weit weg von öffentlichen Institutionen, von Häusern und Straßen, von Wäscheleinen mit Kleidern, die im Wind tanzen. Weit weg von menschlicher Ordnung und menschlicher Unordnung.

 

Das alles ist draußen am Jordan weit weg. Einen Steinwurf entfernt beginnt die Wüste. Hierher kommen sie aus allen Schichten, alle Berufe, Menschen jeden Alters. Mit Hoffnungen, mit Angst, mit Sehnsucht und Schuld. Alle miteinander sind sie Suchende.

Sie hoffen am Jordan fündig zu werden. Sie wollen das Wasser über ihrem Kopf spüren, wie es den Körper hinunter fließt und alles mitnimmt. Der Jordan soll alles davon tragen. Abwaschen, abspülen, reinigen, erlösen.

 

(Bildfehler)

Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe.

Moment, da ist was falsch im Bild.  Was sucht der hier in der Menschenschlange? Falsche Position! Jesus, Du musst auf die andere Seite! Du taufst. Ich taufe mit Wasser, du wirst doch mit dem Feuer taufen. Voller Geist. Was machst du hier vor mir? Nicht dein Platz. Ich dich taufen? Was soll das?

Mit einem Mal sind nur noch Jesus und Johannes wichtig. Alle anderen Menschen werden zur Kulisse. Ihre Geschichten treten in den Hintergrund. Sie legen sich wie Farbschichten an den Horizont und geben die Bühne frei für Jesus und den Täufer. In dieser einen Geschichte sind die anderen, sind wir, nur Kulisse. Kein Mensch wird geheilt. Kein Jünger zurecht gewiesen oder beauftragt. Keiner Trauernden werden die Tränen getrocknet.

Hier geht es nur um Jesus und um den Täufer
– und um uns:

„Lass es jetzt zu!“, sagt Jesus, „Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“

(so ist es richtig)

Johannes schaut sich die Welt an. Er sieht Hass und Neid. Unrecht, Mord. Er beschreibt eine Welt, die mehr und mehr im Chaos versinkt und sieht nur eine Chance dagegen:

Kehrt um! Lasst euch taufen. Macht es anders. Fangt jetzt damit an, denn nach mir kommt einer, der wird es anders machen. Der kommt nicht mehr mit Wasser, das freundlich über den Körper strömt. Der kommt mir Feuer, das alles verbrennen wird. So stellt er dich den Messias, den Retter der Welt vor.

Ich kann Johannes verstehen. Und ich brauche nicht viel Phantasie, um eine Gerichtspredigt für das 21. Jahrhundert zu schreiben, die Johannes dann nicht am Jordan, sondern vielleicht am Main, an der Donau, am Rhein, an der Themse oder am Euphrat hält, oder draußen am Strand von Manhatten. Es braucht keine Phantasie mehr, um zu beschrieben, wie Feuer vom Himmel regnet. Wir sehen es täglich in den Nachrichten.

Und nun kommt der, der da kommen soll, um mit Feuer, mit dem apokalyptischen, alles verzehrenden Feuer zu taufen. Und jetzt steht Jesus vor Johannes im Jordan, zusammen mit all den anderen. Er will getauft werden, wie all die anderen, die schuldig gewordenen. Der Heilige kommt zusammen mit all den Unheiligen. Mit den ganz normalen Menschen.

Genau so machen wir es, sagt Jesus. Genau so ist es richtig und nötig und gut. Gott ist Mensch, ganz und gar, mit allem was dazu gehört. Mit Sehnsucht, Trauer, Hoffnung und Wut. Will getauft werden. Öffentlich. Wasser spüren. Spüren, wie Gott das alles abwäscht. Auch die Tränen, die er weint über die Menschen und die Städte.

Dann öffnet sich der Himmel. Und es regnet kein Feuer. Keine Wut Gottes. Und auch keine Axt, die man an irgendwelche Wurzeln legen müsste, könnte sollte.

Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen.

 (Jesu Gerechtigkeit)

Dann ging Jesus weiter. Er zog sich 40 Tage zurück. Sammelte Erfahrung, Kraft und Mut zum Widerstehen. Dann stellte er sein Programm vor. Und er beschrieb, was er unter Gerechtigkeit versteht. Verändert etwas bei den Menschen, die mit ihr in Berührung kommen.

4 Glückselig sind die, die an der Not der Welt leiden. Denn sie werden getröstet werden.

5 Glückselig sind die, die von Herzen freundlich sind. Denn sie werden die Erde als Erbe erhalten.

6 Glückselig sind die, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit. Denn sie werden satt werden.

7 Glückselig sind die, die barmherzig sind. Denn sie werden barmherzig behandelt werden.

8 Glückselig sind die, die ein reines Herz haben. Denn sie werden Gott sehen.

9 Glückselig sind die, die Frieden stiften. Denn sie werden Kinder Gottes heißen.

10 Glückselig sind die, die verfolgt werden, weil sie tun, was Gott will. Denn ihnen gehört das Himmelreich.

 Dann fing Jesus an, genau das zu machen. Im täglichen Miteinander in der Stadt und auf dem Land. Bei denen, die in den Palästen ein- und ausgingen und vor allem auf den Straßen und an den Toren zum Tempel. Und es folgten ihm mehr und mehr Menschen. Sie schauten sich das ab. Zwischen all den Staubschichten, die sich über ein Leben legen, aus gold und rot, grün, blau und schwarz, fängt vom Himmel an ein Stern zu leuchten. Gott ist mitten drin. Er strahlt aus. Das Leben fängt an zu blühen.

 Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

 Amen.

Gute Vorsätze mit Jesaja

Predigt zu Jesaja 61, am 5. Januar in Veitshöchheim gehalten.

(Gute Vorsätze)

Wie geht es eurer Liste mit den guten Vorsätzen für das neue Jahr?

Schon geschrieben?

Schon überarbeitet?

Oder habt ihr die Zeit zwischen den Jahren für die Jahresplanung genutzt? Nach allen Regeln des Zeitplanmanagements das Jahr optimert? Mit großen und kleinen Todos?

Oder auch den Lernplan für die anstehenden Prüfungen?

Wie wäre es mit folgendem Plan:

  • Elenden die gute Botschaft bringen
  • zerbrochene Herzen verbinden
  • Gefangenen die Freiheit verkündigen
  • Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen
  • ein gnädiges Jahr des HERRN verkünden, mit einem Schuldenerlaß
  • und einen Tag der Rache unsres Gottes ankündigen
  • trösten alle Trauernden

(Wichtig!)

Ich finde das wichtig. Es geschieht so viel in der Welt, was mich ärgert und manchmal traurig macht, ab und an auch zur Verzweiflung bringt.

Da brauchen wir die anderen Worte. Ich stelle mir das so vor wie an Silvester. Vor dem dunklen Himmel heben sich einzelne Leuchtpunkte ab. Malmit einem farbenprächtigen Feuerwerk. Ein Lichtpunkt ergibt den nächsten – lässt sich in den dunklen Nachthimmel fallen, leuchtet, verzaubert meine Augen, beflügelt meine Phantasie.

Die Aufgabe, in der Nacht Licht an den Himmel zu setzen, haben die Menschen in Singapur ganz anders gelöst. Statt des üblichen Feuerwerkes gab es kleine flugdrohnen mit Leuchtpunkten drauf. Sie tanzten am Nachthimmel. Immer und immer wieder trennten sie sich und fanden zu neuen Figuren zusammen.

Lichtpunkt soielen zusammen. Setzen Phantasie frei.

Das hilft meinen Bildern. Ich fange an mitzumalen. Mit den Worten des Propheten wird für mich auf einmal manches ganz real, was vorher noch zu unglaublich erschien. Zerbrochene Herzen werden verbunden. Ich sehe es am Nachthimmel vor mir. ..

Das Leben wird bunt und überraschend. Erst in meinem Kopf und dann ganz real.

Jetzt stelle ich mir das für uns hier vor:

Es tauchen verschiedene bunte Lichtpunkte auf. Jeder Leuchtpunkt eine gute Botschaft. Stell dir vor, du hörst das jetzt. Hier in diesem Moment.

(( Pause ))

Diese Botschaft verändert etwas in dir. Sie breitet sich aus. Gibt dir Halt. Bringt deine Augen zum Leuchten und macht deine Seele fröhlich.

Dann fliegt dieser Leuchtpunkt weiter. Zu einem Menschen in deiner Nähe. Der braucht das gerade. Und es verändert sich was.

Der Herr hat mich gesandt, den Elenden eine gute Botschaft zu sagen. Und sie wirkt. Spür hin!

 

(Gute Vorsätze für das neue Jahr)

So machen wir das mit allen anderen Punkten von der Liste. Dann könnte es klappen:

  • Elenden die gute Botschaft bringen
  • zerbrochene Herzen verbinden
  • Gefangenen die Freiheit verkündigen
  • Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen
  • ein gnädiges Jahr des HERRN verkünden, mit einem Schuldenerlaß
  • trösten alle Trauernden

Wir fangen bei uns selbst an. Was tut mir da gut? Wo spüre ich das. Und dann fange ich an, das an andere weiter zu geben.

(Gebundenen und Gefangenen)

Gebet im Advent in der Marienkirche St Egidio und Freilassung kurz vor Weihnachten…

Brief-Seelsorge an Menschen in den Todeszellen

begleiten die Schuldigen

hoffen auf Begnadigung

kämpfen für Wiederaufnahme der Unschuldigen

 

(Rache des Herrn)

Einen Satz würde ich gern von der Liste streichen. Ich höre ihn nicht gern und es ist kein leichter Auftrag.

– zu verkündigen ein gnädiges Jahr des HERRN und einen Tag der Rache unsres Gottes

Allerdings: Wer braucht denn die wichtigen Worte des Propheten? Wer wartet auf die zupackende Tat der Prophetin? Wir hier drin? Ja, das tut uns schon gut, keine Frage. Und Jesus Christus führt seine Jüngerinnen und Jünger weiter und führt hinaus. Hinaus in die Welt. Es sind zwei Aussagen von Dietrich Bonhoeffer, die mich früh geprägt haben.

Das eine ist das Gleichnis vom betrunkenen Autofahrer. Ich kann als Pfarrer nicht nur die Hinterbliebenen der Unfälle trösten. Ich muss dem Rad in die Speichen greifen. Ich muss laut werden, ich muss Unrecht Unrecht nennen.

Den anderen Satz hat er im Gefängnis geschrieben, ziemlich zeitgleich zu dem Text „Von guten Mächten“. Kirche ist nur dann Kirche Jesu Christi, wenn sie Kirche für andere ist.

Sagt den Elenden die frohe Botschaft. Für mich heitß das: Macht ihre Not sichtbar. Nennt Unrecht beim Namen. Nehmt euch der Menschen an. Die hier nicht klar kommen. Die gescheitert sind, auch durch ihre eigenen Entscheidungen.

Nehmt euch der Menschen an, die Not sind. Auf der Flucht. Voller Angst vor ihrer Zukunft. Sagt den Elenden die frohe Botschaft: wir sehen euch. Wir sind da. Wir lassen euch nicht allein.

Ein Tag der Rache unseres Gottes. Für mich ist das nichts anderes, als sichtbar zu machen, wo Menschen leiden und sich nicht mit Sonntagsreden zufrieden zu geben.

 

(zu viel? zu groß?)

Man könnte jetzt einwenden, dass diese todo Liste doch eher was für Propheten und besonders begabte Menschen ist. Das letzte mal, dass einer diesen Text für sich beansprucht und gedeutet hat, ist meines Wissens ca 2000 Jahre her. Das war damals in einer Predigt in Nazareth. Es gab damals schon genug Menschen, die darüber den Kopf geschüttelt hatten. Nein, das gehe nicht. Ein solcher Text, ein solcher Anspruch. Wo kämen wir denn hin?

 

Der Einwand mag schmeichelhaft klingen. Er funktioniert aber nicht. Wir gehen im Christentum davon aus, dass es den einzelnen charismatischen Führer nicht mehr braucht. Es fing mit 12en an, dann kamen ein paar mehr dazu. Es wurden Hunderte, Tausende, Millionen.

In jedem, in jeder leuchtet dieses Licht.

(Stärkung)

Und weil wir so kurz vor Hochneujahr und dem 6. Januar sind: Die Stärkung ist dabei:

„Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat.“

Wir glauben uns diese Stärkung an.

Konfis und der Heiligenschein…

Gottes Geist ist auf dir, mit dir, in dir, wirkt. Manchmal schauen die Konfis etwas ungläubig auf ihren Heiligenschein. Dann fangen sie ihn an zu tragen, erst zögernd, dann zunehmend stolz und selbstbewußt.

„Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat.“ Das ist so.

Manchmal vielleicht mit einer etwas größeren Portion Unglaube und Zweifel. Der Herr weiß darum. Er hört trotzdem nicht auf, uns seine Botschaft anzuvertrauen. Er hat dabei keine Zweifel. Ganz im Gegenteil. Viel Glaube. Viel Vertrauen. Und vor allem: Gottvertrauen.

Sehr sehr viel Gottvertrauen.

Amen.

 

Gekommen um zu bleiben

Heilig Abend 2019 in der Christuskirche Veitshöchheim

Hesekiel 37

(Herbergssuche 2019)

Die ganze Adventszeit war ich mit ihnen unterwegs. Maria, Josef und Kind. Eine kleine Krippe hatte ich auch dabei. Sie waren in meiner Hosentasche, begleiteten mich in die Schule und auf den Friedhof, ins Rathaus, zum Zahnarzt und in die KiTa. Sie fuhren Auto, Bus und Zug, meistens mit Sitzplatz. Einmal probierten sie auch einen Roller aus, aber das war zu wackelig. Beim Training hielten sie sich ganz still zurück, auch das Kind quengelte nicht. So waren wir auf Herbergssuche. Veitshöchheim, Gadheim, Güntersleben, Thüngersheim, Würzburg, Nürnberg, Göttingen, Braunschweig, Selb. Ganz schön rum gekommen, die drei. Aber wo sollten sie denn nun bleiben? Genauer: wo wollten sie denn nun bleiben.

Gestern Morgen gegen 10. Es klingelt an der Haustür und ein – falsch! Der! –  Herr steht vor der Tür. Mit Rucksack und Koffer. „Ich zieh dann mal bei dir ein!“ Sprachs, schob mich zur Seite, lies Rucksack und Koffer im Flur stehen, steuerte schnurstracks auf das Wohnzimmer zu, schob die zusammen gewurstelte Decke beiseite und lies sich auf dem Sofa nieder.

Das war nun alles andere als weihnachtlich dekoriert. Immerhin der Baum hatte seinen Platz gefunden und die Kerzen hingen nicht mehr so windschief wie noch am Tag zuvor.

Ein schlechtes Gewissen kroch meinen Rücken hoch. Ich bin doch gar nicht richtig vorbereitet. Weder innerlich, noch äußerlich, es waren ja noch ein paar Stunden Zeit bis zur Vesper. Jetzt sitzt der Herr in meiner Wohnung.

Und Gott sagt zu Hesekiel: 27 Meine Wohnung soll unter ihnen sein, und ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein.

(Ich halte es nicht mehr aus)

Einst hat Gott es nicht mehr ausgehalten. Im Jerusalemer Tempel wurde tagein tagaus der Gottesdienst gefeiert, wurde gebetet und geopfert und draußen im Land galt das Recht des Stärkeren. Der Stärkste war die Regierung mit ihrem Apparat und den Soldaten.

Gott hat das nicht mehr ausgehalten und ist ausgezogen. Koffer packen, verschwinden. Nicht mehr umdrehen. Es hat nicht lang gedauert, bis Israel in mehreren Kriegen erobert und zerstört worden ist. Ich sehe die Bilder aus den Kriegsgebieten dieser Tage. Menschen auf der Flucht. Mütter zerren ihre Kinder am Arm hinter sich her, Väter tragen die Kleinsten auf dem Am. In den Häuserwänden klaffen Wunden. Ich brauche wenig Phantasie mir vorzustellen, wie es damals war. Nicht viel anders. Und Gott ging. Als ob Gott mit all dem nichts mehr zu tun haben wollte.

Aber auch das hat Gott nicht ewig ausgehalten. Die Liebe hat ihn überwältigt. Unvernünftig, aber voller Leidenschaft. Er kann einfach nicht lassen. Er kann nicht von den Menschen lassen, die er geschaffen hat. Auch wenn sie ihm wieder und wieder Kummer bereiten. Er kann und will es nicht lassen.

Bevor er endgültig einzieht, legt er Hand an.

Trümmer werden beiseite geräumt und die klaffenden Wunden in den Häuserwänden verschlossen. Die zwei Bruderstaaten Nordreich und Südreich endlich wieder vereint. Es wächst zusammen, was zusammen gehört, auch wenn das vermutlich mehr als drei Jahrzehnte brauchen wird. Er sammelte die Verbliebenen zusammen und hauchte ihnen neues Leben ein. Zärtlich, freundlich, heilig. Und Gott sagt: ich will sie erhalten und mehren, und mein Heiligtum soll unter ihnen sein für immer.

(warum nicht in der Kirche)

Für einen kurzen Moment setze ich mich neben den Herrn auf das Sofa.

„Warum ziehst du nicht in die Christuskirche ein? Sie trägt deinen Namen. Frisch renoviert. Festlich geschmückt und heute ist da richtig viel los. Warum willst du in die Häuser? Raus auf die Straßen?“

„Gut, dass ihr das habt hier. Einen Ort, euch zu treffen. Aufatmen, vergewissern. Gut so, das braucht es.

Und ich will mehr!“

Ich will nicht nur Sonntagmorgen um 10 für eine Stunde bei euch sein. Ich will mehr als die wohl gesetzten Worte der jahrtausendalten Liturgie – und wenn sie noch so feierlich sind.

Ich will raus. Raus zu den Menschen.
In alle Erfahrungen hinein.
Ich bin da, wenn eine mit der fiesen Krankheit ringt.

Ich sitze mit am Küchentisch, wenn das Brot für die Woche sorgfältig eingeteilt wird.
Ich halte den Streit zwischen zwei Menschen aus, wenn sie sich Worte an den Kopf werfen,
die nichts mehr von der einstigen Leidenschaft ahnen lassen. Gerade jetzt in diesen Tagen. Wenn sich alle vertragen sollen und es dann noch viel schwieriger ist.
Und ich halte die Hände der Verliebten,
wenn sie sich tief in die Augen schauen und Treue versprechen.“

 

(Gehst du wieder?)

Und wenn wir es nicht hin kriegen? Gehst du dann wieder? Müssen wir es dann allein schaffen?

Die Fragen habe ich nicht ausgesprochen. Ich nahm sie mit auf den Weg zu den letzten Aufgaben vor Weihnachten.

Ich hatte noch allerlei zu erledigen. Liedblätter zurecht legen, die Krippenfiguren in Position stellen, schauen ob der Stern auch zuverlässig leuchtet. Ein Hausbesuch am Krankenbett.

Die Jahresrückblicke kommen nicht ohne die großen Kriege und Konflikte dieser Welt aus. Deutschland lacht über ein Kommunikationsdesaster bei der Deutschen Bahn, aber kaum einer weint über die ausbleibenden Beschlüsse der Weltklimakonferenz. Und die Jugendlichen fragen immernoch für welche Zukunft sie lernen sollen.

 

Als ich am Abend nach hause kam, war zu meiner Überraschung der Kühlschrank gefüllt und der Getränkevorrat aufgestockt. Diese Sorge hatte ich für morgen schon mal los. Der gute Hirte halt. Hat gesorgt. Wie er sich immer sorgt. Um Leib und Leben. Grüne Aue, frisches Wasser. In der Hektik des Alltags tut er Quellen auf, die mich satt machen. Ja!

Und nun hier. In meiner Wohnung.

Der Herr saß wieder auf dem Sofa auf dem Tisch zwei Weingläser und eine geöffnete Flasche, daneben ein paar Käsewürfel und Fladenbrot. Gegenwart und Brot und Wein. Wie damals. Guter Hirte und Lebensspender.

Erzähl mir!

Forderte er mich auf. Und ich erzählte. Was mich nicht zur Ruhe kommen lässt. Von den Menschen und ihren Geschichten. Von den kleinen und großen Wundern des Alltags. Und Tränen voller Glück. Und von den anderen auch.

Und ich erzählte ihm. Ich war unterwegs im Advent. Mit Josef, Maria und dem Kind. Ich traf einen Freund. Vor vielen Jahren habe ich ihn getraut. Dann kamen Krisen. Seine und meine.

Wir haben uns wieder gesehen. Es war eine schwere Zeit für ihn, für seine Familie. Und wir standen zusammen am Tisch. Ich hab die Figuren aus der Tasche geholt. Maria, Josef, das Kind, seine Familie und ich. Wir schauten uns an. Es ist gut geworden.  Leuchten in seinen Augen und in dem der Frau und den Kindern. Sein Wort: Dir geht es gut! Ich seh es. Und ich freu mich so darüber.

Die heilige Familie wäre gern geblieben. Sie fühlten sich da sowas von zuhause. Aber wir sind doch weiter gezogen. Und mit uns die Geschichten, in denen es endlich gut wurde.

Davon erzählte ich ihm auf dem Sofa.

Weißt du, sagt er nachdem ich zu Ende war:

Genau deshalb will ich nicht mehr im Heiligtum wohnen. Ich will mitten unter euch wohnen.

Wo du leidest
und wo du liebst.

Ich bin gekommen um zu bleiben

ich will mit euch einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Und ich will euch erhalten, und mein Heiligtum soll unter euch sein für immer. 27 Meine Wohnung soll unter euch sein, und ich will ihr Gott sein.  Für immer.

Amen.

 

Weg bereiten

Predigt am 3. Adevnt in Veitshöchheim zu Lukas 3, 1-16

Hier zum Nachhören

( Sehnsucht )

Ich habe Sehnsucht!

Ich sehne mich danach, dass es anders wird. Ich hänge auf den Onlineseiten der Tageszeitungen und warte darauf, dass sich in Madrid bei der Klimakonferenz etwas bewegt. Manchmal arbeiten Freund*innen und ich uns im Netz in den Kommentarspalten ab. Menschen verbreiten mit Worten so viel Hass und Gewalt. Wir wollen nicht, dass sie das einzige Wort haben. Vom letzten wagen wir schon gar nicht mehr zu träumen. Vergangene Woche habe ich mit einer Journalistin darüber diskutiert was sich verändert hat in den letzten zwei Jahren. Die Texte werden aggressiver und moderaten ziehen sich mehr und mehr zurück.

Ich habe Sehnsucht, dass es anders wird. Und ich lese von einem, der davon spricht:

»Lasst euch taufen!
Ändert euer Leben!
Gott will euch eure Schuld vergeben!«
4 Genau so steht es im Buch des Propheten Jesaja: »Eine Stimme ertönt in der Wüste:
›Macht den Weg bereit für den Herrn, ebnet ihm die Straße.
5 Jede Schlucht soll aufgefüllt werden
und jeder Berg und jeder Hügel abgetragen.
Was krumm ist, muss gerade werden
und die unebenen Wege eben.
6 Alle Welt soll sehen,
dass Gott die Rettung bringt.‹«

( darauf habe ich gewartet )

Das ist Musik in meinen Ohren. Der Herr kommt. Gott in dieser Welt. Und die ganzen Fallen, in die ich immer wieder stolpere, sind zugeschüttet. Keine Berge von Problemen und unerledigten Dingen, die sich vor mir türmen. Alles weg. Und auch der Hass.

Und all die krummen Wege erst. Wie oft erzählen mir Menschen ihre Geschichten. Und genauso oft wünsche ich ihnen, dass es ab und zu mal ein Stück geradeaus geht, mal ohne Umwege.

(Ups?!)

Aber bevor ich mir da zu sicher werde, bevor ich anfange voll Freude im Regen zu tanzen, ruft mich Johannes zur Ordnung:

Er sagte zu ihnen:
»Ihr Schlangen! Wie kommt ihr darauf, dass ihr dem bevorstehenden Gericht Gottes entgeht? 8 Zeigt durch euer Verhalten, dass ihr euer Leben wirklich ändern wollt!

Und plötzlich stehe ich zwischen Soldaten und Zöllnern, zwischen Handwerkern und Bauern, mitten unter den Familien, die sich anlocken ließen und frage mich:

Was nun? Was soll ich tun?

( Der macht ernst )

Johannes der Täufer hielt den Menschen damals sehr radikal den Spiegel vor. Einem wie ihm hat man das erlaubt. Er lebte selbst radikal. Eine Wüstenexistenz. Einfachste Kleidung, Verzicht auf jeden Weichmacher, Kamelhaar pur, wind- und wasserabweisend, kratzbürstig. Als Nahrung nur das, was er fand und sammelte. Heuschrecken und wilder Honig. Das fühlt sich im Hals und auf der Haut so kratzbürstig an, wie Kamelhaar. Ein solcher darf das. Der darf Forderungen stellen.

Und die lesen sich gar nicht schlecht:

Anpassen an die äußeren Bedingungen und  dabei so korrekt wie möglich zu leben. Dann zeigte er ihnen wie sie leben könnten. Die Soldaten mit den Waffen und die Zöllner mit dem Geld. Verhaltet euch korrekt. Bleibt aufrichtig. Kümmert euch um die Menschen. Keine große Überforderung. Kein radikaler Wechsel des Lebensstils. Vielleicht war es die Hoffnung, dass es dann trotzdem anders werden würde. Vielleicht lösen sich Probleme dann von selbst. Mir kommt diese Taktik so vertraut vor.

( trügerische Hoffnung )

Die Hoffnung ging nicht auf. Als es den Römern zu anstrengend wurde, machten sie ernst. Sie belagerten Jerusalem, zerstörten den Tempel und nahmen blutige Rache an den Aufständischen. Das ganze wiederholte sich noch zweimal, bis ab dem Jahr 137 nChr nicht mehr von einer Existenz Israels als Staat geredet werden konnte. Sie ging auch nicht für die christliche Gemeinde auf. So sehr sie sich an die jeweiligen Caesaren auch anpassten, der Lohn war jedesmal mehr Verfolgung, mehr Leid, mehr Tod. Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.

( Hauptprogramm kommt noch )

Am Ende seiner Rede kommt Johannes zu Punkt:
15 Das Volk setzte große Erwartungen in Johannes.
Alle fragten sich:
»Ist er vielleicht der Christus
16 Johannes erklärte ihnen: »Ich taufe euch mit Wasser.
Aber es kommt einer, der ist mächtiger als ich.
Ich bin nicht einmal wert, ihm die Riemen seiner Sandalen aufzuschnüren.
Er wird euch mit Heiligem Geist und mit Feuer taufen.

Johannes ist nur das Vorprogramm.
Der Hauptauftritt wird noch kommen.
Aber Johannes bereitet den Weg. Macht Mut, dem einfachen zu folgen, das was geht, im Alltag. Schon hier neue Perspektiven zu erkennen. Damit Jesus einen vorbereiteten Boden findet.

Und Jesus geht weiter. Er geht über das System hinaus. Ihm ging es nie darum, in den bestehenden Verhältnissen das bestmögliche Reich Gottes einzusetzen. Jesus denkt und redet und handelt weiter.

( Es gibt kein richtiges Leben im Falschen )

Wieder einmal zeigt sich Gott als der, der sich gegenüber den Mächtigen positioniert.

Macht, Einfluss, Reichtum, Anerkennung. Jesus lehnt das alles ab. Da ist das Reich Gottes ein Fremdkörper.

Das Reich Gottes ist da, wo die Schwachen sind. Die Aufrichtigen. Und auch die Wütenden. Die nicht mehr ertragen können, wenn Menschenleben gegeneinander ausgespielt werden, wenn die Sprache voller Hass ist.

Selig sind, die sich nach Frieden sehnen. Selig sind die Sanftmütigen, die Liebenden. Selig sind, die nach Gerechtigkeit trachten.

Und Jesus setzte sich an ihre Seite. Er setzte sich an die Seite der Sehnsüchtigen und machte sie stark.

Er lebte, was Jesaja einst schrieb: Ich helfe dir, ich stärke dich, ich halte dich, mit der rechten Hand meiner Gerechtigkeit. (Jesaja 41,10, Taufspruch F.)

(Eben, gerade)

›Macht den Weg bereit für den Herrn, ebnet ihm die Straße.

Gott kommt in das wahre Leben, in meine und in deine Sehnsucht. In die Pläne, die wir für uns und andere machen. In das junge Leben von Finn und in das seiner Familie, die schon lang in Generationen unterwegs ist. Dass er spürt: ich bin gehalten und ich bin stark.

›Macht den Weg bereit für den Herrn, ebnet ihm die Straße.

Gott kommt hinein in das ganze Leben.
In meine und eure Sehnsucht,
dass richtig wird, was falsch ist,
dass gerade wird, was krumm ist,
dass eben wird was bucklig, schief, und krumm.

Gemeinsam schaffen wir das, ihm diesen Weg zu bereiten. Selig werden können wir am besten zusammen.

Amen.

 

Mittendrin

Predigt zum 2. Advent in der Christuskirche zum Lobgesang der Maria, Lukas 1
Hier geht es nach Youtube zum Nachhören.

Früher, ganz früher, da war das Gespräch mit Gott eine sehr exklusive Angelegenheit.

Die Gottheit hatte vor allem Kontakt zum Herrscher. Die setzte dann noch eine Priesterklasse ein, die sich um den Kult im Heiligtum kümmern sollte. Dem restlichen Volk – vom leitenden Beamten über die Familienunternehmen, von den Soldaten bis zu den Bauern – blieb die Aufgabe, den Tempel durch Steuern und Naturalien zu finanzieren. Kam eine Not über das Land wurde das Volk noch mehr gepresst, um den Dienst am Heiligtum aufrecht zu erhalten. Die Staatsregierung hatte nichts bis wenig zu befürchten. Das Volk sollte den Herrn preisen und den König ehren. Seiner Herrschaft konnten sie nichts entgegen setzen. Sie mussten sie ertragen.

Maria singt. Singt ein anderes Lied:

51 Er hebt seinen starken Arm
und fegt die Überheblichen hinweg.
52 Er stürzt die Machthaber vom Thron
und hebt die Unbedeutenden empor.

Am Anfang, am Anfang unseres Glaubens war weder Palast noch Tempel. Am Anfang war nicht die Rundumversorgung eines königlichen Hofstaates. Am Anfang war ein einfacher Wohnraum. Zweckmäßig eingerichtet.

Es war gans anders. Gott mischt sich mitten unter das Volk. Hinein in die Landbevölkerung. In die Mitte der Gesellschaft. Handwerker, Fischer. Hier wird das alltägliche Leben gelebt. Hier wird gelitten und geliebt, gestritten und gefeiert. Und mancher träumt von der Revolution. Vom Aufstand gegen die da oben. Weil sie es nicht mehr ertragen, immer nur unterdrückt und ausgebeutet zu werden.

Wie kein anderes Evangelium hat Lukas in seinem Text diese besondere, bemerkenswerte Seite heraus gearbeitet.

Am Anfang war ein Wort:

Ich will bei dir wohnen.
Gott wohnt nicht in den Palästen, in den Heiligen Tempeln. Sein Platz ist nicht an der Seite der Macht. Seine Macht hat Platz und Raum genommen auf der Seite der ganz normalen Menschen. Dass die das erstmal nicht fassen können ist allzu nachvollziehbar.

Am Anfang war ein Ja!
Maria staunt und singt:

Ich lobe den Herrn aus tiefstem Herzen.
47 Alles in mir jubelt vor Freude
über Gott, meinen Retter.
48 Denn er wendet sich mir zu,
obwohl ich nur seine unbedeutende Dienerin bin.

Früher hefteten sich Underdogs an Jesu Füße. Der christliche Glaube war eine Sache der Minderheiten. Sie trafen sich in den Häusern. Oft genug heimlich. Und sie wartete darauf, dass eintritt was Maria singt. Was Gott, der Vater Jesu Christi, am allerliebsten gemacht hat:

Er fegt die Überheblichen hinweg.
Und hebt die Unbedeutenden empor.

Irgendwann entdeckten die Mächtigen Jesus für sich.

Lukas geriet zunehmend in Vergessenheit. Was übrig blieb war das Bedürfnis, sie zur Gottesmutter zu machen. Und als die Gelehrten sich zunehmend die Köpfe einschlugen, ob den Jesus nun von Beginn an, oder erst nach der Auferstehung oder durch Adoption Sohn Gottes genannt werden kann, entdeckten sie in Maria eine Person, die plötzlich ganz nah an Gott dran war. Unzweifelhaft und eindeutig.

Und das Christentum stellte wieder die Machtfrage. Entwickelte sich zu einer Religion der Sieger. Der Herrschenden. Könige und Kaiser führten in ihrem Namen Krieg. Familien gerieten darüber in Streit, Staaten brachen auseinander.

Das Bekenntnis zu ihr wurde nach der Reformation zu einem Kriterium der Rechtgläubigkeit. Auf beiden Seiten.
Ob Maria sich das je hätte vorstellen können?
Dass man an ihr die Wahrheit festmacht.
Betest du zu Maria oder nicht?

Mit einem Mal stand sie auf der Seite der Macht.
Wurde zur Heiligen derer, die das Heil verwalten. Die es zuteilen nach Rechtgläubigkeit.

Früher stellte sich ein Engel des Herrn einem Esel samt seinem Reiter in den Weg. Er war auf schlechten Pfaden unterwegs. Eine Mission, die viel Unheil bringen würde.

Früher stellte sich ein Engel des Herrn einfach in eine Wohnstube und überzeugte eine junge Frau. Du bringst Gott in die Welt.

Und heute? Heute wünsche ich mir, dass sich Maria mit allen zur Verfügung stehenden Engeln in den Weg stellt. Wenn die Kirchen wieder anfangen, das Heil zu verwalten. Wenn Dogmen und persönliche Befindlichkeiten darüber entscheiden, wer auf dem rechten Pfad des Glaubens ist.

Wenn Menschen sich als Christen bezeichnen und anderen die Hölle an den Hals wünschen, weil sie sich um Menschen auf der Flucht kümmern.

Meine Begegnung mit der Befreiungstheologie

Seit dem gehört das Magnificat für mich zu den wichtigsten Stücken der Evangelien. Maria besingt Gott, wie ich ihn mir wünsche, wie ich ihn brauche. Wie in der Welt wirkt.

50 Er ist barmherzig zu denen, die ihn ehren und ihm vertrauen – von Generation zu Generation.
51 Er hebt seinen starken Arm und fegt die Überheblichen hinweg.
52 Er stürzt die Machthaber vom Thronund  hebt die Unbedeutenden empor.
53 Er füllt den Hungernden die Hände mit guten Gaben und schickt die Reichen mit leeren Händen fort.
54 Er erinnert sich an seine Barmherzigkeit und kommt seinem Diener Israel zu Hilfe.
55 So hat er es unseren Vätern versprochen: Abraham und seinen Nachkommen für alle Zeiten!«

Amen.

 

 

 

 

 

Weil es anders werden muss

Predigt am 13.10.2019 in Veitshöchheim zu
Josua 2

Hier zum nachhören

Manchmal kommt sie überraschend und leise, unterbricht wie aus dem Nichts den Alltag: Gewalt.

Manchmal ist sie nur in Zwischentönen zu erkennen oder zeigt sich erst im Nachhinein. Einige mögen mehr wissen und ahnen, treffen Vorkehrungen, sichern und verbarrikadieren Türen. Oft bestimmt sie alles und bringt Angst und große Trauer mit sich. Egal, wie sie kommt und wo sie ist: Immer hinterlässt sie Spuren, die Gewalt.

In dieser Woche in Halle, an der Grenze zwischen Syrien und der Türkei, und in mir, beim Nachrichtenhören und Newsfeed lesen im Internet. Seit es Menschen gibt, ist sie da, die Gewalt und bringt Schmerzen, Tod und dauerhafte Verstörung mit sich. Sie ist da, wo Menschen leben.

Und du fragst dich: gibt es keine Alternativen? Es muss doch anders gehen?

Einer soll aufstehen. Mutig sein. Es anders machen. Es endlich einmal anders machen.

 

Als die Geschichtsschreiber die Erzählungen von der Ansiedlung Israels zwischen Jordan und Mittelmeer aufgeschrieben haben, waren die Ereignisse schon einige hundert Jahre zurück. So schrieben sie zwischen die spärlichen Fakten viel hinein, was ihr Denken und Handeln in der Gegenwart bestimmte: es war voller roter Linien und Abgrenzungen.

 

Keine Vermischung mit den anderen Volksstämmen.

Keine Vermischung der Rassen und der Kulturen.

Es ist besser, die anderen zu vernichten und nichts von ihnen übrig zu lassen. Und damit kein Zweifel an der Wichtigkeit besteht, haben sie ein Gebot daraus gemacht:

Gott der Herr will es so.

Denn auch das war Geschichte: Immer dann, wenn die Mächtigen und das Volk sich einer anderen Religion zugewandt hatten, endete das über kurz oder lang in einer Katastrophe, bis hin zur vollständigen Eroberung und Vertreibung und Verschleppung.

Also erzählten sie die Geschichte von der Besiedlung so: keine Gefangenen, keine Beute. Alles Fremde muss weg.

 

Mit läuft es kalt den Rücken hinunter, wenn ich mir das vor Augen führe. Mit den Nachrichten der letzten Tage wurde es noch kälter. Rassistischer Terror mitten unter uns. Er macht Menschen zu Opfern, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Ohne jeden Grund.

So ist das mit der Gewalt. Sie schlägt zu, wo du es nicht wahr haben wolltest.

Sie hat Energie, weil die Phantasien von gnadenloser Trennung nie aufgehört haben. Da geht es uns nicht besser als Menschen vor 2500 Jahren. Die Sehnsucht nach dem reinen Volk hat nie aufgehört. Ich habe sie nur nicht so genau hören wollen. Ich habe oft genug still geschwiegen.

 

Als die Geschichte geschrieben war, fanden einige den Mut, zu widersprechen.

Es muss anders werden! Wir müssen die Geschichte anders erzählen. Es muss andere Möglichkeiten geben

Und sie erzählten sie anders. Sie erzählten von einer Frau und zwei Männern, die es eigentlich niemals hätte geben dürfen.

Rahab. Eine Prostituierte. Ihre Dienste werden gern genommen, aber sie selbst lebt am Rand der Gesellschaft. Ist eine Geächtete. Und zwei Kundschafter. Das hätte es nie geben dürfen. Spione schicken. Vertraut Josua etwa Gott nicht so ganz?

Gott liebt es mit Menschen, die nicht reinpassen in das perfekte Bild einer wohl geordneten Gesellschaft seine Geschichte zu machen.

Diese drei brachen die Regeln. Drei brachen das Tabu. Sie unterliefen die Anweisung. Und sie taten eine Lücke auf:

Rahab hat hingehört. Im Dorf wurde geredet. Voller Angst. Draußen vor den Toren stehen sie, zu allem bereit. Man weiß, was kommt. Rahab hört zu und zieht ganz eigene Schlüsse. So kommt es zu einem ersten Glaubensbekenntnis im gelobten Land. Ausgerechnet von einer Fremden, ausgerechnet von einer Geächteten:

 

Ich habe verstanden, sagt Rahab: Der Herr euer Gott, ist Gott im Himmel und auf der Erde.

 

Eine hat mehr von Gott begriffen als alle anderen zusammen: Ich traue diesem Gott alles zu. Und ich will atmen. Ich will leben und ich will, dass andere auch leben können, zumindest die, die ich retten kann:

 

So kommt es zu einem gegenseitigen Versprechen, das anders ist. Das den Kreislauf der Gewalt unterbricht.

Ich verstecke euch, beschütze euch vor der Hand der Soldaten. Und ihr verschont mich und meine Familie.

So soll es sein. Hand drauf. Der Schwur gilt. Beim Leben aller Beteiligten.

 

Was Rahab ist mutig und klug. Trotz der bedrohlichen Situation behält sie einen kühlen Kopf und stellt die richtigen Forderungen, damit sie und ihre Familie beschützt werden.

Wer ein paar Kapitel später im Josuabuch weiterliest, weiß, dass sie Erfolg hat. Ihr Plan geht auf. Nach den Mauern fällt die ganze Stadt Jericho mit allen ihren Bürgern – nur Rahab und ihre Familie bleiben verschont.

 

Sie kann nicht alle retten. Aber einige. Mit ihren Möglichkeiten tut sie, was sie kann. Was kann schon eine einzelne ausrichten? Rahab richtet sehr viel aus. Bewahrt Menschenleben. Und ihre Geschichte wird erzählt, weil sie es wagte anders zu handeln. Weil es immer andere Möglichkeiten gibt.

Wenn die Gewalt einbricht, dann gibt es mehr als eine Antwort. Und oft genug kommt die Antwort von denen, die niemand auf dem Zettel hat, die keiner ernst nimmt, die an den Rand der Geschichte gestellt werden.

Rahab ist keine Heilige, die immer im Leben alles richtig macht.

 

Sucht man nach strahlenden Helden, einem echten Vorbild, in dieser Geschichte, dann sucht man vergeblich. Die Israeliten, die mit schlotternden Knien am Jordan stehen, fallen genauso aus, wie die zwei Kundschafter, die anstatt ihren Auftrag zu erfüllen, es lediglich bis in ein stadtbekanntes Etablissement schaffen. Rahab, ein Prostituierte. Sie handelt gegen moralische Normen.

Überraschenderweise ist Gott das ziemlich egal. Es wiederholt sich, was in vielen anderen Geschichten passiert. Es sind nicht die moralisch Anständigen, die Unschuldigen, die strahlenden Helden, mit denen Gott handelt. Es sind sehr oft gebrochene und schuldige Menschen.

Gott misst den Menschen nicht an seiner Schuld. Er fragt nach Glauben und Vertrauen.

Rahab vertraut. Sie vertraut sich einem Gott an, vor dessen Macht sie Angst hat. Und gleichzeitig setzt sie alle Hoffnung in ihn und seine Leute. Ich glaube, hilf meinem Unglauben.

So wagt sie sich aus der Deckung. So wagt sie es, nach Alternativen zu fragen. Die Gewalt nicht klaglos hinzunehmen, auch wenn es gefährlich und ungewöhnlich ist, um so vielleicht Schlimmeres zu verhindern.

 

Der Gewalt hat sie ihren neuen Glauben entgegengehalten und zeigt uns, dass sie, obwohl sie diesen Gott noch gar nicht lange kennt, schon viel mehr von ihm verstanden hat, als die Israeliten, die meinen, dass sie das gelobte Land nur mit Gewalt bis hin zum tausendfachen Mord für sich gewinnen können.

 

Diese Erzählung musste unbedingt in die Geschichtsbücher hinein. Sie hilft mir, Gott dem Herrn, der oben im Himmel ist und unten auf der Erde zu vertrauen.

Sie hilft, Gott etwas zuzutrauen.

Gewalt gegen Minderheiten und Hass auf den Fremden, das geschieht nicht und nie in Gottes Namen.

 

Der Gewalt hat sie ihren neuen Glauben entgegengehalten und zeigt uns, dass sie, obwohl sie diesen Gott noch gar nicht lange kennt, schon viel mehr von ihm verstanden hat, als die Israeliten, die meinen, dass sie das gelobte Land nur mit Gewalt bis hin zum tausendfachen Mord für sich gewinnen können.

Diese Erzählung musste unbedingt in die Geschichtsbücher hinein. Sie hilft mir, denen auf die Spur zu kommen, die Religion und Gott für ihre Zwecke missbrauchen wollen und denen ich sage: Nein, nicht in meinem Namen.

Sie hilft mir, Gott dem Herrn, der oben im Himmel ist und unten auf der Erde zu vertrauen.
Und immer und immer wieder zu fragen und zu suchen:
Es muss anders werden. Und es kann anders werden.
Weil Gott der Herr da ist. Der Gott ist, oben im Himmel und unten auf der Erde.
Amen.

 

 

 

 

 

 

 

Was ich habe

Predigt zu Apostelgeschichte 3, 1-10, diesmal als Audiodatei über youtube zu hören.
Die Heilung des Gelähmten

Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit.  Und es wurde ein Mann herbeigetragen, der war gelähmt von Mutterleibe an; den setzte man täglich vor das Tor des Tempels, das da heißt das Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen.
Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen.
Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an! Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge. Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!
Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest,  er sprang auf, konnte stehen und gehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott.
Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben.  Sie erkannten ihn auch, dass er es war, der vor dem Schönen Tor des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war.